DIE BESTIMMUNG

Leseprobe

„Die Bestimmung - Letzte Entscheidung“ von Veronica Roth

Ich gehe in meiner Zelle im Hauptquartier der Ken auf und ab, ihre Worte hallen mir noch in den Ohren. »Ich werde Edith Prior heißen. Und es gibt vieles, was ich frohen Herzens vergessen werde. «

»Du hast sie wirklich nie gesehen? Nicht mal auf irgendwelchen Bildern? «, fragt Christina, die ein Kissen unter ihr verletztes Bein geschoben hat. Sie wurde bei unserer selbstmörderischen Mission, die Botschaft von Edith Priors Video mit der ganzen Stadt zu teilen, von einer Kugel getroffen. Da wussten wir allerdings noch nicht, wie diese Botschaft lauten würde. Wir ahnten nicht, dass sie uns den Boden unter den Füßen wegziehen und alles – die Fraktionen, unsere Identitäten – ins Wanken bringen würde. »Ist sie vielleicht deine Großmutter oder deine Tante oder so?«

»Nein, das habe ich dir doch schon gesagt. « Ich drehe mich um, als ich die Zellenwand erreiche. »Prior ist – war – der Name meines Vaters, deshalb kommt nur sein Familienzweig infrage. Aber Edith ist ein Altruan- Name, und alle Verwandten meines Vaters müssen Ken gewesen sein, also …«

»Also ist sie älter «, sagt Cara und lehnt ihren Kopf gegen die Wand. So sieht sie ihrem Bruder zum Verwechseln ähnlich. Meinem Freund Will, den ich erschossen habe. Doch 10 dann richtet sich Cara wieder auf und sein Geist verschwindet. »Wahrscheinlich stammt sie aus einer früheren Generation deiner Familie. Dann ist sie eine Vorfahrin. «

»Vorfahrin. « Das Wort fühlt sich alt und schwer an, wie zerbröckelnder Stein. Ich streife mit den Fingern über die Wand der Zelle, ehe ich mich wieder umdrehe. Die Fliesen sind kalt und weiß.

Sie ist meine Vorfahrin, und das ist das Erbe, das sie mir hinterlassen hat: Freiheit vom Fraktionszwang und das Bewusstsein, dass meine Unbestimmtheit mehr bedeutet, als ich je ahnte. Mein Dasein ist ein Zeichen dafür, dass es an der Zeit ist, diese Stadt zu verlassen und denen jenseits des Zauns zu helfen.

»Ich will wissen «, sagt Cara und fährt mit der Hand über ihr Gesicht, »ich muss einfach wissen, wie lange wir schon hier sind. Könntest du mal eine Minute aufhören, pausenlos hinund herzulaufen? «

Ich bleibe in der Mitte der Zelle stehen und blicke sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Tut mir leid«, murmelt sie.

»Schon okay«, sagt Christina. »Wir sind schon viel zu lange hier drin.«

Es müssen Tage vergangen sein, seit Evelyn mit nur wenigen knappen Kommandos die Kontrolle über das Chaos in der Eingangshalle des Hauptquartiers der Ken übernommen hat und alle Gefangenen in die Zellen im dritten Stock sperren ließ. In der Zwischenzeit ist eine Fraktionslose vorbeigekommen, um nach unseren Verletzungen zu sehen und Schmerzmittel zu verteilen, und wir bekamen ein paar Mal Essen und durften duschen, aber niemand hat auch nur ein Wort darüber 11 verloren, was draußen passiert, egal wie sehr ich sie mit Fragen bestürmt habe.

Vollständige Leseprobe als PDF